Walking in Memphis

Als ich abends in Memphis ankam, wurde ich von Leandra, meiner dortigen Gastgeberin erwartet. Für Leandra war ich die erste Couchsurferin, sie selbst kannte das Portal nur von ihrem Auslandsjahr in Berlin und war ein bisschen aufgeregt, wie das denn nun alles ablaufen würde. Gemeinsam gingen wir abends mit einem ihrer Freunde zu einem Musikfestival und ich bekam einen ersten Einblick in die etwas merkwürdige Stadt. Dass es in den USA zu Teil große Probleme mit Rassismus gibt, war mir zwar bewusst, in Memphis bekommt man es aber doch sehr hautnah mit. In der Stadt gibt es strikt getrennt schwarze und weiße Straßen, Schwarze und weiße Viertel und sehr wenig durchmischte Gegenden. Auf der Straße bekommt man permanent Pöbeleien mit und auch unabhängig vom Rassismus scheint die Stadt eine hohe Kriminalitätsrate zu haben. So empfehlen die Einheimischen, auf keinen Fall die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen (Leandra ist in zwei Jahren noch nie mit dem Bus gefahren!) und die Kutscher der Touristenkutschen werden auffällig oft von Hunden begleitet, die wohl außer mir die wenigsten noch nett und knuddelig fanden…

Zwischen all den düstren Gestalten schlenderten wir also nun genau so wie viele andere Studenten durch die Straßen, die zu einem einzigen Open-Air-Festival umfunktioniert worden waren. Eine Kunstausstellung neben der anderen lud zum kostenlosen Umherschauen ein, in vielen kleinen Ateliers wurde noch Sangria serviert und draußen war die ganze Downtown übervölkert von Straßenmusikern. In Memphis herrscht schon die typische Südstaatenathmosphäre. Es ist drückend warm, alles läuft etwas langsamer als in anderen Landesteilen und die Menschen sind deutlich gelassener als zum Beispiel in New York. Straßen, Bürgersteige und rote Ampeln werden als wohlwollende Empfehlungen zwar vielleicht gewürdigt, mehr aber auch nicht. Fußgängerströme könnten den Eindruck vermitteln, ganz Memphis wäre eine große Fußgängerzone, die Autofahrer haben sich damit abgefunden.

Später abends ging es dann (mit dem Auto – Bus fahren sollte man ja nicht) zu Leandras Wohnung. Sie und ihre Mitbewohnerin Kate wohnen in einem katholischen Wohnheim für Theologie- und Religionsstudenten. Die zwei, beide angehende Religionslehrerinnen, waren entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen nicht halb so heilig und weltfremd, wie ich es zuvor im Praktikum erlebt hatte – hier wollte mich niemand bekehren. Wir hatten einen schönen gemeinsamen Abend und mal wieder eine richtig lange Nacht – nach den letzten Tagen in Chicago mehr als nötig.

Am nächsten Tag mussten die Beiden arbeiten, so dass ich ein bisschen Zeit für mich hatte und einige spannende Verhandlungen nach Kanada führen konnte. Ja, richtig gelesen, nach Kanada. Moritz war nach unserer Verabschiedung in Chicago weiter geflogen nach Montreal und wollte nun eigentlich weiter nach Toronto und zu den Niagara-Fällen fahren. Nun kamen schlechtes Wetter, eine Absage seines Gastgebers in Toronto und unser Zusammentreffen in Chicago zusammen und er hatte spontan entschieden, am nächsten Tag mittags in Memphis aufzukreuzen und dann weiter mit nach New Orleans zu fahren. Nun, man kann sich die verwirrten Nachfragen der Grenzbeamten bei der Wiedereinreise in die USA vorstellen. Einen 17 stündigen Kanada-Aufenthalt legen wohl selbst unter den gehetzten Pauschaltouristen nur die wenigsten ein… 😀

Am Samstag Abend ging es dann noch gemeinsam mit Leandra zu den Sun Studios, wo Elvis Presley, Johnny Cash und einige andere ihre ersten Songs aufgenommen haben. Auch heute wird das Studio noch für Aufnahmen von Profis und Laien genutzt, Andreas Gabalier haben wir wohl (zum Glück) knapp verpasst… Dafür planen wir bereits unsere erste eigene Aufnahme des Biene-Maja-Titelsongs, weitere Sänger, Bienen und geigende Spinnen sind herzlich eingeladen, uns zu unterstützen. 🙂
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Für den Abend waren noch ein Festivalbesuch und ein besonders leckeres und typisches Eis eingeplant. Leider machten uns Aquaplaning und ein kurzer Knutscher mit einem Hydranten einen Strich durch die Rechnung. Nachdem wir uns recht spektakulär samt Auto über die Straße gedreht hatten, war Leandras Auto nicht mehr fahrtüchtig und es blieb für uns bei einem entspannten Filmabend.

Der nächste Sonntag Morgen sollte für uns alle ganz klassisch mit einem Kirchenbesuch beginnen. Leandra und Kate gingen wie jeden Sonntag in die katholische Kirche, ich wollte wenn ich schon mal vor Ort bin unbedingt einen Gospelgottesdienst mitnehmen. Nachdem ich mich informiert hatte, wo die nächsten baptistischen Gemeinden Gospelgottesdienste feiern, ging es also los in die Kirche. Die „First Baptist Church“, deren Internetauftritt sehr ansprechend gewirkt hatte, war nicht so einfach zu finden, wie ich gehofft hatte, weshalb ich einige Minuten zu spät kam. In der Erwartung, gleich einen Gospelchor aus typischen Big Mamas in bunten Gewändern vorzufinden (immer diese Klischees… ;-)), stahl ich mich also ganz leise durch den Seiteneingang in die Kirche.
Ein erster Blick ins Kirchenschiff verriet mir, dass ich hier absolut falsch sein musste. Statt einer begeistert singenden Menge, schaute ich auf einen Saal, gefüllt mit hellbeigen Gemeindemitgliedern (Nein, hellbeige ist keine Farbe, hellbeige ist eine Lebenseinstellung!). Dazu erklang das wohl grässlichste Ave verum, das meine Ohren je erdulden mussten, vorgetragen von einem hochmotivierten aber leider absolut unerträglichen Rentnerchor.

Als ich die Notbremse ziehen und auf den Absatz kehrt machen wollte, war es dann auch schon zu spät. Wie ein Aasgeier stürzte eine Gemeindefunktionärin (genau so hellbeige wie alle anderen) auf mich zu, um mich herzlich Willkommen zu heißen und meine Hand vor lauter amerikanischem Überschwang stundenlang nicht mehr loszulassen. Während ich noch drüber nachdachte, warum ich überhaupt direkt als Fremde enttarnt würde, fielen mein Blick nochmal kurz auf mein Backpacker-Outfit. Als mir erklärt wurde, wie toll es doch sei, auch junge Menschen in der Kirche zu begrüßen, wurde mir schlagartig bewusst, dass das nächstältere Gemeindemitglied wohl mindestens 30 Jahre älter sein musste als ich. Als ich mich dann gegen die Ausrede, ich hätte nur ein Klo gesucht, entschieden hatte, wurde ich auch schon ins Kirchenschiff gezerrt. Dort wurde ich in die erste Reihe gesetzt und noch während des Gottesdienstes der halben Gemeinde mit den Worten „that’s our new friend from Germany“ vorgestellt. Als der äußerst langatmige Gottesdienst zu Ende war, hatte die frohe Kunde sich bereits bin die hintersten Reihen verbreitet, Sekunden später wurde mir ein Formular zum Eintritt in die Gemeinde ausgehändigt. Als ich das höflich abgewehrt und mit meinem weit entfernten Wohnort begründet hatte, durfte ich mir noch ein Weilchen anhören, wie schön es doch sei, dass es noch junge christliche Menschen gibt, die selbst im Urlaub jeden Sonntag in die Kirche gehen. Die Einladung zur anschließenden Themenrunde zum Thema „how to write your last will“ konnte ich zum Glück guten Gewissens ausschlagen, musste ich mich doch langsam zum Treffpunkt mit Moritz aufmachen.

Der Weg in die Innenstadt war interessant, aber etwa zwei Stunden und mehrere Busverbindungen später, kam ich dann doch am Museum of Civil Rights an. Das Museum befindet sich in dem Hotel, in dem 1968 Martin Luther King erschossen wurde. Sehr spannende Ausstellung, leider haben meine insgesamt 5 Stunden im Museum bei weitem nicht ausgereicht und das Hirn war danach auch gut zermatscht. Moritz kam zwischendrin dazu und hatte auch nach etwa zwei Stunden gut die Schnauze voll. 🙂

Abends ging es dann noch mit Leandra zum Abschiedsessen, wo Moritz und ich uns beide in dem Wissen, keine Barbecue-Soße zu mögen, eine große Portion Tennessee-typisches Barbecue bestellten. Nun, immerhin können wir uns jetzt sicher sein, dass das Zeug auch wirklich nicht unsers ist. Mit gehörigem Magengrummeln und einigen Flüchen bezüglich unserer bemerkenswerten Dummheit, ging es dann auf zum Nachtbus nach New Orleans – immerhin haben die Fahrt ohne weitere Magensaltos überstanden. 🙂

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